Der Zustand des Yoga im Yoga Sutra von Patanjali

Dies ist ein Buchreport, den ich im Oktober 2019 im Rahmen der 200h Yogalehrerinnenausbildung 2018/19 im Yoga Individual Studio Aachen verfasst habe.

योगश्चित्तवृत्तिनिरोधः  
yogaś-citta-vr̥tti-nirodhaḥ 
Yoga Sutra 1.2  

File:Yogasutra with Patanjali's bhasya, Sanskrit, Devanagari script, sample page f3v.jpg
Ms Sarah Welch, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons

Das Yogasutra von Patanjali ist einer der für viele heutige Yogaschulen zentralen Texte. Es kann als Leitfaden zum Erreichen des Zustands des Yoga verstanden werden. Wie dieser Zustand einleitend im zweiten Vers des Yogasutra beschrieben und unterschiedlich übersetzt und interpretiert wird, soll Thema dieses Buchreports sein. Dabei soll es nicht um eine Diskussion über die Richtigkeit der Übersetzungen gehen, sondern um einen Vergleich und die verschiedenen praktischen Implikationen für den Yogaunterricht, die sich daraus ergeben.

Das zwischen 400 v. Chr. Und 300 n.Chr. auf Sanskrit verfasste Yogasutra besteht aus 195 Versen, welche auf vier Kapitel aufgeteilt sind. Das erste Kapitel handelt von Samadhi – dem Zustand des Yoga. Das zweite handelt von der Praxis, das dritte von den Resultaten und das vierte von der Befreiung. Das Yogasutra ist in einer alten indischen Dichtungsform geschrieben, bei der die Sätze sehr kurz und grammatikalisch nicht vollständig sind. Dadurch entsteht eine Reduktion aufs Wesentliche und gleichzeitig Raum für Interpretation. Es existieren zahlreiche Übersetzungen und Kommentare, wobei die Übersetzenden verschiedene Bedeutungsvarianten wählen und in ihren Kommentaren verschiedene Schwerpunkte legen. In der Literaturwissenschaft werden alte zu den Sutren gehörigen Kommentare (Bhasya) als zum Yogasutra zugehörig betrachtet. Einige schreiben sie dem Autor Vyasa zu, während andere Wissenschaftler*innen davon ausgehen, dass Patanjali in den Sutren ältere Schriften zusammenstellte und die Kommentare seine eigenen sind. 

Der Zustand des Yoga wird am Anfang des Yoga Sutra in zweiten Vers des ersten Kapitels beschrieben:

yogaś cittavr̥tti-nirodha” 

In den unterschiedlichen Übersetzungen dieses Verses finden sich feine Unterschiede, welche im Folgenden genauer betrachtet werden:  

„Yoga ist der Zustand, in dem die Bewegungen des citta [des meinenden Selbst] in eine dynamische Stille übergehen” – R. Sriram  

Im Zustand des Yoga sind alle Trübungen (vr̥tti), die im Wandelbaren des Menschen (citta) bestehen können, aufgelöst.“ –  Ronald Steiner

“Yoga is the suspension of the fluctuations of the mind” – Gregor Maehle 

“Yoga is the restriction of the whirls of consciousness.“ – Georg Feuerstein 

“Yoga is the control of mental whirls” – Brenda Feuerstein 

Dadurch ergeben sich unterschiedliche Implikationen: Wird citta im Zustand des Yoga nun vollkommen still oder nur ruhiger? Schauen wir uns zunächst die Übersetzung der einzelnen Worte an:  

Citta heißt im Yogasutra “das meinende Selbst” (R. Sriram) bzw. „das Wandelbare des Menschen“ (Ronald Steiner), der Teil unseres Geistes, der denkt, konzeptualisiert und eine Verbindung zur äußeren Welt herstellt, während es selbst ein Teil der beobachtbaren Welt ist. Im Gegensatz dazu steht draṣṭā, „das sehende Selbst“, welches die Realität und auch citta als Teil dieser Realität beobachten kann und puruṣa: „der Bewohner“ bzw. „das unsterbliche Selbst“ oder „das unveränderliche Innere“ (Übersetzungen laut R. Sriram).

Vr̥tti wird von Brenda und Georg Feuerstein als “mental whirls” übersetzt – mentale Wirbel. Ronald Steiner hingegen übersetzt vr̥tti als Trübungen und verleiht vr̥tti damit eine negative Konnotation. R. Sriram erklärt cittavr̥tti als “die Tätigkeiten, durch die citta [das meinende Selbst] sich ausdrückt und die seine Aufgabe bilden”. Er betont damit, dass cittavr̥tti eine Funktion haben. 

Die größten Unterschiede in den Übersetzungen lassen sich bei dem Wort nirodhaḥ finden. Die Autor*innen gehen entweder in die absolutere Richtung und übersetzten nirodhaḥ als “auflösen” (Steiner), “suspend – aussetzen/einstellen”(Maehle) oder in moderaterer Richtung als “zur Ruhe kommen”, “control – kontrollieren” (Brenda Feuerstein), „restrict – einschränken“ (Georg Feuerstein) und “kontrollieren/halten” (Sriram). 

Nun folgen Überlegungen zur Nützlichkeit der verschiedenen Übersetzungen für eine moderne Yogapraxis. Laut R. Sriram sind vr̥tti Ausdruck des citta und citta hat die Funktion eine Verbindung von puruṣa zur Realität herzustellen. Zum Überleben in der Realität sind cittavr̥tti existenziell.  Wenn man davon ausgeht, dass, wie Brenda Feuerstein anmerkt, der im Yogasutra beschriebene Weg sich an (männliche) Asketen richtet, die von der Welt zurückgezogen leben, kann es sinnvoll erscheinen die Auflösung der vr̥tti anzustreben, um Befreiung zu erlangen.
Yoga ist jedoch ein Weg, der auch von Menschen beschritten werden kann, die ein normales Leben mit sozialer Einbettung führen. Ein Beispiel dafür ist der Krieger Arjuna in der Bhaghavad Gita, der danach strebt Yoga in seiner weltlichen Aufgabe zu finden. Für solche in der Realität handelnden Menschen erscheint die vollkommene Auflösung der vr̥tti nicht besonders sinnvoll, da citta die Funktion hat, puruṣa mit der Realität in Verbindung zu bringen. R. Sriram beschreibt in seinen Erläuterungen als Ziel des Yoga, dass citta “still und innehaltend die Wahrnehmung durchlässt” und betont, dass durch citta sowohl Verblendung als auch wahrhaftige Erkenntnis entstehen kann.

Vor diesem Hintergrund erscheint es mir für den Yogaunterricht für im Leben stehende Menschen passender nirodhaḥ mit „Kontrolle“, „Einschränkung“ oder „Beruhigung“ zu übersetzen, als von „Auflösung“ oder „Einstellung“ der mentalen Wirbel zu sprechen.

Aus allen Übersetzungen geht hervor, dass im Zustand des Yoga die mentalen Wirbel stark verringert bis zu gänzlich aufgelöst sind. In der Yogapraxis streben die Praktizierenden nach diesem Zustand, es ist eine Entwicklung, ein Prozess, der zudem nicht linear, sondern fluktuierend verläuft. Selbst wenn die cittavr̥tti durch die Yogapraxis zunächst nur ein wenig zur Ruhe kommen oder ein Zustand vollkommener Klarheit nur für einen Moment erfahren wird, kann dies für die Person einen hohen Wert haben. 

Wie kann Yoga so vermittelt werden, dass die Schüler*innen eine Beruhigung der Gedanken, bzw. den Zustand des Yoga erfahren können? Viele Beginnende werden mit einer detaillierten Beschreibung von citta und draṣṭā nicht viel anfangen können. Einigen kommt die Vorstellung „nicht mehr zu denken“ vielleicht so absurd vor, dass sie gleich beschließen, Yoga nicht zu „können“, wenn sie fälschlicherweise annehmen, das Zurruhekommen der Gedanken sei eine Voraussetzung, um Yoga praktizieren zu können.

Dahingegen können praktische Yogastunden einen Rahmen schaffen, in dem es leichter fällt, citta zu beruhigen, sodass die Schüler*innen eine Möglichkeit haben einen Bewusstseinszustand zu erfahren, der Samādhi näherkommt. Wie R. Sriram in seiner Zusammenfassung des ersten Kapitels des YS anmerkt, ist Yoga nicht intellektuell zu erschließen, sondern muss erfahren werden.  Die Gestaltung des Raumes und bewusste Auswahl von Worten und Hilfestellungen sollten darauf ausgerichtet sein den Geist während der Praxis von Asana, Pranayama oder Meditation zu klären.

Um bei der Anleitung von Meditation das Zurruhekommen der cittavr̥tti verständlich zu machen, können Metaphern hilfreich sein.
Zum Beispiel kann ein Berg als Symbol für draṣṭā gewählt werden, an dem cittavr̥tti als Wolken vorbeischweben. Die meditierende Person wird gebeten sich selbst als Berg vorzustellen, an dem die Gedanken vorbeiziehen. Durch den Fokus auf die Lücken zwischen den Wolken werden die Lücken größer und die Wolken weniger.
Ebenfalls leicht verständlich ist die Beschreibung, Gedanken als Züge zu verstehen, die in der Meditation zwar wahrgenommen und vorbeifahren gelassen werden, aber auf die man übt nicht „aufzuspringen“, also die Gedankenstränge nicht weiter zu verfolgen.
Ein anderes, etwas komplexeres Bild ist die Verbildlichung von citta als See, dessen Oberfläche durch vr̥tti aufgewirbelt sein kann,im Zustand des Yoga jedoch so glatt wird, dass sich draṣṭā darin erkennen kann, bzw. der so transparent wird, dass Wahrnehmungen ungetrübt das Wasser durchdringen können.
R. Sriram nutzt außerdem die Metapher eines Segels als citta, das – richtig ausgerichtet – hilfreich sein kann.

Der Zustand des Yoga wird im zweiten Vers des Yogasutra auf Sanskrit mit den wenigen Worten „yogaś-citta-vr̥tti-nirodhaḥ“ auf sehr kondensierte Weise beschrieben. Für die folgenden 193 Sutras, in welchen ein psychologisches Modell des Geistes und der Wahrnehmung, sowie eine Anleitung zum Erreichen des Yogazustandes enthalten ist, legt das zweite Sutra die Grundlage. Yoga bedeutet, dass citta, derjenige Teil des Geistes, der Konzepte und Geschichten bildet, der sich selbst mit etwas identifiziert und anderes interpretiert, zur Ruhe kommt.

Verwendete Übersetzungen des Yogasutra:  

R.Sriram: Das Yogasutra Von der Erkenntnis zur Befreiung Einführung, Übersetzung und Erläuterung 

Ronald Steiner: Wort-für-Wort Übersetzung und Kommentar auf ashtangayoga.info  

Brenda Feuerstein: The Yoga Sutra from a Womens´s perspective 

Georg Feuerstein: The Yoga Tradition_ Its History, Literature, Philosophy and Practice-Laurier Books, Limited (2002)

Gregor Maehle: Ashtanga Yoga – Practice and Philosophy-New World Library (2008)

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