Aus der Sammlung neugieriger Fragen
„Welches Problem oder Tabuthema habt ihr lange nicht getraut anzusprechen, und darunter gelitten oder euch sexuell deswegen nicht weiter entwickeln können?„
In unserer „Sammlung neugieriger Fragen“ habt ihr die Möglichkeit auf anonyme Art eure Fragen an uns zu schicken, sodass wir sie in den Gesprächsrunden aufgreifen können. Ich habe Lust einige der Fragen hier im Blog vorzustellen und meinen Senf dazu zu schreiben. Die persönlichen Geschichten aus den Workshops gehören natürlich nicht in diesen Blog, sodass ich nicht direkt auf die Frage antworte, sondern meine Gedanken und allgemeine Haltung zu Tabuthemen beschreibe.
Allgemein okay, aber persönlich ein Tabu
Viele Tabuthemen sind schon aufgekommen in unseren Workshops. Da sind die Themen, die aus den gängigen Vorstellungen akzeptierter Sexualität rausfallen: Queerer, kinky, dreckiger, verbotener Sex, Dreier, Vierer und Sexpartys, Affären und Eifersucht, Fetische, Anziehung zu älteren, jüngeren, zu Cousinen und Cousins, Masturbation, Toys und Pornos… Leiser und manchmal noch mehr Mut erfordender: Sehnsucht nach Nähe, Unsicherheit, unerfüllte Liebe, Zartheit und Verletzlichkeit, die Frage nach der eigenen Identität, die Suche nach Erfüllung.
Bei manchen Themen habe ich den Eindruck, dass sie im Allgemeinen als okay gelten, sich aber wenige persönlich damit outen wollen. Ein paar Beispiele sind sexuell übertragbare Krankheiten, im Sinne von „Ich habe mich angesteckt..“ oder Erektionsschwierigkeiten im Sinne von: “ Ich bekomme keinen hoch!“. Bei solchen Themen kann es total erleichternd sein, wenn jemand in der Gruppe beginnt zu erzählen und andere im Anschluss leichter ihre Erfahrungen teilen können.
Aussprechen ist ein erster Schritt
Für mich steckt in der Frage auch die Frage drin, warum das Aussprechen so wichtig für die sexuelle Entwicklung ist. Warum kann sich ein Mensch nicht gut weiterentwickeln oder leidet, wenn er eine Wahrheit über sich nicht aussprechen kann?
Zunächst einmal holt das Aussprechen ein Thema aus der vagen und flüchtigen Welt der Gedanken heraus und macht es greifbarer, macht uns damit handlungsfähig. Es ist der erste Schritt dahin, uns einem Problem zuzuwenden und praktische Lösungen zu suchen.
Manchmal geht es darum, sich selbst etwas einzugestehen, denn Leid ist oft damit verbunden, dass wir etwas nicht wahrhaben wollen. Wenn wir es vor Zeugen aussprechen, gestehen wir es auch uns selbst ein und dadurch wird es leichter oder löst sich gar von allein.
Ein anderer Gesichtspunkt ist das Sich-zeigen mit einem Aspekt unserer Selbst. Ein wenig wie das Anprobieren eines neuen Kleidungsstücks vor einer kleinen Gruppe vertrauter und wohlgesonnener Menschen, bevor man damit um den Block geht. Ich erinnere mich zu Beispiel, wie ich zum ersten Mal einer kleinen Gruppe erzählt habe, dass ich unerwarteterweise Freude und Lust verspürt habe, als mich jemand bat, ihn mit einem Gürtel auszupeitschen. Das war die Anprobe, nun laufe ich mit dieser Geschichte ganz selbstverständlich und mit nur leichtem Herzklopfen durch diesen Blog.
Und manchmal geht es vielleicht auch um eine Art Beichte, eine Art Absolution, die eine akzeptierende Gruppe erteilen kann, wenn etwas geteilt wird, das die Person bereut, wie zum Beispiel das Brechen eines Versprechens in einer Beziehung oder eine fehlgelaufene Kommunikation.
Geständnisse sind ein Segen für die Gruppendynamik
Zauberhaft finde ich die Momente, in denen in einer Runde sich ein Mensch traut etwas lang Verschwiegenes über sich preiszugeben, es mit laut klopfendem Herzen, zitternd und weinend schließlich über sich bringt das Unaussprechliche auszusprechen…und dann sitzt ein Großteil der Gruppe da, feiert den Mut der Person, lässt sich davon inspirieren, die Dynamik der Gruppe wird lebendiger und ehrlicher durch den Mut der einen Person, auf das erste Geständnis folgen weitere, immer wilder werdende Geschichten. Den Inhalt des Geständnisses haben meist im nächsten Augenblick schon die meisten wieder vergessen, denn wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, können wir oft auch mit der Ehrlichkeit der anderen gut sein.
In einem Seminar, an dem ich selbst vor vielen Jahren Teilnehmerin war, gestand jemand ganz am Ende der Woche mit hochrotem Kopf seinen Fuß- und Damenschuhfetisch, was mit viel Schulterzucken und „Ist doch kein Ding!“ aufgenommen wurde, ihn ungemein erleichterte und vor allem die Stimmung sehr erheiterte.
An dieser Stelle möchte ich denjenigen danken, die in den „Sextalk“-Workshops die ersten waren, die sich getraut haben, das tiefe Gewässer der Offenheit und Ehrlichkeit zu tauchen und als erste etwas Schockierendes gesagt haben. Durch euch konnte die ganze Gruppe tiefer tauchen!
Für jedes Thema das passende Gefäß
Auf unseren Impuls „Lasst uns mal offen über Sex reden!“ folgte auch bald die Realisation, dass Sexualität auch ein ganz schönes Minenfeld von Emotionen und Traumata ist und dass das Sprechen über bestimmte Themen für manche auch einfach zu viel sein kann.
So heilsam das Aussprechen von Unsagbarem auch ist, so ist es wichtig zu wissen, mit wem und in welcher Situation wir sprechen. Manchmal haben verschiedene Teilnehmende Verletzungen auf entgegengesetzten Enden eines Spektrums erfahren: Die einen zu viel Nähe und Übergriffigkeit erlebt, die anderen zu wenig Nähe und Einsamkeit. Ich finde es wichtig und heilsam, wenn auch diese unterschiedlichen Erfahrungen miteinader geteilt werden können und wenn wir lernen gegenseitig Empathie zu entwickeln.
Ein Bewusstsein für das zu entwickeln, welche Erzählungen in einer Runde gehört und welche Emotionen gehalten werden können, nennt Heike Pourian „Gefäßbewusstsein“. Und wie beim Sex hilft auch für die Entwicklung dieses Bewusstseins langsames Herantasten, Spüren, Kommunikation, Fehlerfreundlichkeit und Humor.